Ich hab die Unschuld kotzen sehen
'Das Gelage dieser Tage. Wir liegen mit mehr Krebszellen als Verstand im Kopf auf diesem durchgefickten Sperrmüllsofa. Wir sind Engel, die Verführer und die Verführten des Amokzuständes, mancherorts fälschlicherweise Leben genannt. Um uns schießt Dummheit wie vergiftete Pflanzen aus krankem Boden.
Ich taste nach meinen Filterzigaretten. Wohnzimmertisch. Wohnzimmer? Wohnen? Gedanken überdosiert! Ich lache herzhaft in meinen inneren Wahnsinn, der bestimmt in meinen gelben Augen sichtbar ist.
Feuerzeug flackert kurz auf. Durch Inhalation übertrage ich die Flamme auf ein Billigtabakprodukt. Schmerzen wie Presslufthammerzärtlichkeiten beweisen mir meine Existenz. Wieder einen Rausch überlebt. Aber Ich sorge mich um meinen Engel. Ihre weiße Haut wirkt in meinen zugedröhnten Augen neongelb. Sie trägt nur Unterwäsche und ihr Körper scheint wie ein gelber Fluss, lediglich von zwei schwarzen Brücken unterbrochen, meine Beine runter zu fließen. Ihr Menschlichkeitsduft übertönt den des Giftes. Das bemerke ich über erst, als ich meine Wahrnehmung selektiert habe und mich durch Selbsthypnose davon abgehalten habe, auf den ruhenden Körper der Geliebten zu kotzen.
Gedanken sind auf der Flucht vor mir. Die Detailverliebtheit meiner Intensivbetrachtung verursacht gelbe Kreise beim. Kopfbewegen mit Blick auf die karge, leere Wand. Irgendwie lasse die Selbsthypnosewirkung schneller nach als erwartet. Nahrung will nach außen. Allerdings schaffe ich es noch, meinen Oberkörper nach vorne schnellen zu lassen, damit die nun auf die Kacheln klatschende grau grüngelb liehe Masse nicht auf meine Göttin gerät. Sie wird es mir danken, denke ich. Irgendwie wird sie mir danken, dass ich sie nicht mit meinem Mageninhalt zugedeckt habe.
Ich hätte jetzt wahnsinnige Lust sie zu ficken, bis der dritte Weltkrieg zu Ende ist. Meine Kotze stinkt erbärmlich. Aber ich habe ebenso keine Lust, mich jetzt von diesem Möbel zu erheben und einfach so weiterzuleben. Diese ganze Scheiße hier kotzt mich extrem an. Mindestens so, wie ich diesen billigen, mies gekachelten, kalten Boden, bedeckt vom Müll unserer Zweisamkeit. Unaushaltbarer Amokdrang. Ich pendle irgendwo zwischen Mordlust und selbst zerstörerischem Tanztheater. Ich stehe auf, mit nackten Füßen in meiner Kotze. Dass die Schlampe dabei unsanft mit ihrem scheiß Schädel auf den Glastisch ballert, erfüllt mich irgendwie mit Freude. Ich lache lauthals. Sie scheint
gerade von ihrem Komaausflug zurückzukehren und blinzelt verlegen mit ihren schiefen Augen. Das wühlt längst vergessene Aggressionen in mir auf. Als sie sich langsam in eine Art aufrechte Haltung begibt, schleudere ich ihr eine achtlos abgestellte, halbleere Flasche Bier in ihr zerknittertes, besoffenes Kummergesicht. Ihr Nasenbein macht ein Geräusch wie ein herzhafter Biss in eine scheiß Scheibe Knäckebrot, nur ca. viermal so laut. Ihr Blut spritzt beim Aufprall der Pfandflasche in alle Richtungen. Rote Perlen in meiner Kotze, rote Flüsse an lila Wänden, rote Seen in ihrem scheiß Gesicht. Tränen erregen weitere Wut. Ich bewege mich auf dieses wehrlose Stück vergiftetes Menschenfleisch zu und schlage mit meinen Fäusten in ihren zugedröhnten, weichen Körper, der bei jedem Hieb weiter in das Sofa zu fliehen scheint. Ich interpretiere das als Feigheit und verprügle sie weiter. Ihre Augen platzen auf. Ihre scheiß verführerischen Augen. Ich falle auf ihr sitzend, auf sie eindreschend vom Sofa. Unstillbare Blutgier. Ihr Kopf in meinen Händen. Ich lasse ihn mehrmals auf die Kacheln herabsausen, die in ihrer Instabilität zerspringen. Ihr verfickter Weiberschädel ist nicht kaputt zu kriegen. Sie quieckt wie ein Ferkel, dem man bei lebendigem Leibe ein Beinchen mittels scharfen Messers vom Restleib abtrennt. Nicht mal vernünftig reden kann sie. Nicht mal bitten, aufzuhören, Also zerstöre ich sie weiter, wie sie es schon lange mit mir tut. Sie lebt nicht nur mit, sondern auch von mir und das mit Kalkül und immenser Gewissenlosigkeit. Ihr nahendes Ende ist mein Freispruch. Meine Fäuste treffen bald nur noch matschiges rotes Fleisch und um ihren Kopf bildet sich in relativ schneller Fließgeschwindigkeit eine Blutlache, deren Anblick mich euphorisch elektrisiert und zu weiteren Schlägen auffordert.
Ich zolle ihr Tribut, unserer abgestandenen Zeit der Unfähigkeit zu lieben und meiner Unfähigkeit wegzulaufen. In weitere Gefilde. Gedankengebilde.
Ich verlasse ihren regungs, gesichts und ausdruckslosen Körper. Stelle mich über sie. Ein Lächeln für sie, da liegend in ihrer ganzen vollkommenen, verkommenen Sinnlichkeit. Beuge mich noch mai über sie herab. Verabschiede mich mit einem Kuss auf den Bereich ihres Gesichtes, den man früher Wange nannte. Sie ist so süß, auch jetzt mit substanzlosem Schädel und ohne diese Geilheit in ihren Augen. Die Schlampe hat sich verkalkuliert.
Ich gehe in den Garten und begrüße den neuen Tag. Und ich vermute, es ist ein verfickter Sonntag.'
von Dirk Bernemann

5 Comments:
Ich glaube ich werde mir das Buch mal kaufen, scheint ja relativ karank, aber lesenswert zu sein...
als krank würde ich es nicht bezeichnen...sondern eher eine andere darstellung vom leben...das buch gibt eine andere sichtweise wieder...die man tolerieren sollte
Das Buch reflektiert das Leben!!
Ja, die eines Drogensüchtigen. Sorry, aber für mich wirkte das Buch wie der bemühte Versuch zwischen Hip-Abgefuckt-sein-wollen und Drogenvision. Nichts besonderes - ausser das ein Verlag den Mut hatte sowas zu veröffentlichen.
wenn du in einer fluffigen marshmallow-welt lebst ist das dein ding.
verschließ doch nicht die augen vor dingen, die nunmal auf dieser welt passieren. auch wenn es dein eingeschränkter horizont im moment nicht zulässt...
fakt ist, dass das buch eines der erfolgreichsten bücher des verlages ist und von den lesern der Zeitschrift ORKUS auf platz 1 der besten bücher 2006 gewählt wurde. insofern ist es wohl doch etwas besonderes. ;)
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